Der stille Ruhm: Eliza Wille
1809 - 1893

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 Lebensbild nach Christian Jenssen —

Es gibt Frauen, die ihre eigenen Geschicke, die freundlichen dankbar, die herben versöhnt, in sich verschließen, und fremde Schicksale, die der Lebensweg ihnen mitzuerleben gibt, in eine so bergende mütterliche Hut nehmen, daß sie gleich einem schönen Gestirn, scheinbar in kaltem Glänze, in Wirklichkeit voll Glut und Wesenskraft, still und gelassen ihre Bahn ziehen. Eine Frau dieser Art war Eliza Wille, die Tochter eines Engländers, Robert Miles Sloman, der am Ende des 18. Jahrhunderts in jungen Jahren mit den Eltern nach Hamburg übergesiedelt war und hier nach dem frühen Tode des Vaters die später unter dein Namen Robert M. Sloman jr. bekannt gewordene Schiffsmaklerfirma und Reederei aufbaute. Ihre Mutter war eine Friesin von der Insel Föhr. Eliza Wille hat uns in dem Buch Stilleben in bewegter Zeit ihre Eltern und deren erste schwere Ehezeit — und damit zugleich ihre frühesten Kinderjahre — so lebensnah und liebevoll vorgestellt, daß wir von hier aus einen freundlich aufgehellten Zugang zu ihrem Leben und Wesen finden.

Eliza Wille
Eliza Wille (1809-1893)
Nach einem Portrait von
Karol Emil Jurkiewicz
(gen. Emil Boratinsky), ca. 1840

Es war im Jahre 1806. Elizas Mutter Lena Brarens, lebte als junges Mädchen in Tönning, an der Mündung der Eider in die Nordsee, wo ihr Vater Hinrich Brarens, ein früherer Grönlandfahrer, als Hafenkommandeur und Lotseninspektor eine geachtete Stellung einnahm. Der von Tönning hatte für das damals dänische Schleswig-HoIstein gewisse Bedeutung, zumal während der englischen Elbblockade, die die Handelstätigkeit in Hamburg, das unter französischer Herrstand, empfindlich störte. England unterhielt daher ein Konsulat in Tönning, dessen Leitung dem jungen Robert Sloman anvertraut wurde. Da sein Vater vor kurzem gestorben war, hatte er neben den Konsulatsgeschäften vor allem auch das Haus in Hamburg zu führen, so daß er nur von Zeit zu Zeit persönlich in Tönning erschien. Dort lernte er die Tochter des Kommandeurs kennen. Die Liebe blieb lange unausgesprochen, bis eines Tages ein hartes Schicksal, das Lenas Familie traf, eine rasche Wendung herbeiführte. Der Sohn des Lotseninspektors geriet durch Leichtsinn in gefährliche Bedrängnis. Lena nahm für den Bruder das Opfer auf sich, ihre heimliche Liebe aufs Spiel zu setzen und Sloman um Beistand zu bitten. Seine Freude über ihr Vertrauen ließ die Scheu vor der gegenseitigen Offenbarung der Liebe überwinden. Bei einem, Besuch in Hamburg, dem alten, engen und doch vom Wind der weiten Welt erfüllten Hamburg, lernte Lena Slomans Mutter kennen, eine prächtige alte Engländerin, der ein Tadel eher auf der Zunge lag als ein Lob, die nur auf England und ihre Kinder nichts kommen ließ. Sie hatte aus Nationalstolz — Standesrücksichten lagen ihr fern — die Wahl des Sohnes zunächst mißbilligt; wußte sie doch, daß damit die Eindeutschung der Familie entschieden wurde. Eine starke Selbstbeherrschung, die sie besonders auch in den folgenden Jahren der Not bewies, hielt sie indes davon ab, das Glück des Sohnes nach eigenem Gutdünken lenken zu wollen. Und als sie Lena kennenlernte, gewann sie sie lieb. Sie sah ein, daß hier jene unantastbare Liebe ihr Recht geltend machte, für die sie selbst und ihre Mutter gegen äußere Rücksichten einst in ungewöhnlichen Abenteuern gekämpft hatte. Nachdem sie diese Abenteuer eines Abends erzählt hatte, fügte sie — wie Eliza Wille in ihrem Stilleben so köstlich überliefert — hinzu:

"Wir werden mit einander wallen,
Uns lieben wie bekannte Freunde."

Also, ihr Mädchen, die ihr noch nicht gewählt habt, heiratet nie, es sei denn um treue Liebe, jede andere Heirat ist verkehrt. Bleibt’ lieber allein! Heiraten soll ein Mädchen nur aus Liebe und der Mann ebenso, es ist sonst die allergrößte Sklaverei und Unvernunft. Es ist ein großes Unrecht, Mann oder Frau zu einer Ehe überreden zu wollen. Laßt euch von niemand bestimmen, laßt euch auch nichts weismachen, daß andere hier besser Bescheid wissen als ihr selbst. Ihr selbst müßt den Glauben haben, der zu der Liebe gehört! Aber habt ihr Ja gesagt, dann, Mädchen, denkt nicht mehr an Freiheit oder Recht des eigenen Schicksals; fragt auch nie mehr, ob der Mann so oder ob er ein anderer ist, als ihr gemeint hattet. Wie er seinen Weg geht, so geht ihr jetzt mit; ihr habt auch niemand zwischen euch zu stellen, nicht Vater und Mutter, nicht Bruder und Schwester auch keine Freundin und keinen Freund. Eine Frau soll sich auch nicht um das kümmern, was der Mann außer dem Hause tut, das ist unklug und verkehrt! Wenn er’s nicht sagt, so frage sie nicht; Männer sind anders als wir; das geht uns nichts an. Aber die Frau ist im Hause, was der Mann in der Welt ist, und jeder soll regieren an der rechten Stelle. Wenn das Wunder der Liebe nicht dabei wäre, wie sollte die Ehe bestehen? An einige Ehen, die ich kenne, kann ich nicht ohne Mitleid denken. Aber wenn die Frau auch nicht das rechte Herz findet, das ihr gehört, den Schwur am Altar hat sie darum nicht weniger gesprochen! Des einen Schuld hebt nicht die Verpflichtung des ändern auf, denn des Menschen Schwur und Wort ist eine Kette. Auch ist die Frau zur Ehre des Hauses da; es kommt ihr zu, Treue zu halten auf ihrem Posten, bis es Gott gefällt, sie abzulösen. Also, Mädchen, nehmt euch in Acht; und wenn ihr heiratet und eure Freiheit hingebt, so sei es um nichts Geringeres als um treue Liebe.

Christian Jenssen: „Eliza Wille“ in Der Stille Ruhm: Lebensbilder deutscher Frauen, Dr. I. M. Wildner Verlag, Lübeck, 1947.

"Hinweg! hinweg! Ich weiß nicht wie weit,
An die Grenzen von Zeit und Ewigkeit..."